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Die Sache mit der Sprache. Oder: Perspektivwechsel

Von Lin Boewer.

Seit drei Jahren bin ich als Ausländerin in China und als solche schon von weitem zu erkennen. Ich spreche und verstehe die Sprache nur unzureichend und fühle mich hier als Beinahe-Analphabetin. Trotzdem kann ich meinen Alltag gut bewältigen, das geht auch ohne fließendes Chinesisch. Und kein Chinese hat mir mein Pidgin-Chinesisch bisher übelgenommen. Wenn tatsächlich mal alles unverständlich und unverstanden bleibt und es auch mit Mimik und Gestik nicht weitergeht, dann gibt es ja zum Glück Smartphones und x Programme, mit denen sich schnell alles übersetzen lässt.

Und jetzt frage ich mich, warum es in Deutschland so ein Riesenproblem sein soll, wenn AusländerInnen nicht fließend Deutsch sprechen?

Ich freue mich, wenn ich mich mit anderen Deutschen in meiner Muttersprache unterhalten kann. Ich fand die Idee, MigrantInnen in Deutschland die Sprache vorzuschreiben schon immer abstoßend und durch nichts rational zu begründen. Heute weiß ich nun auch aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, sich in der eigenen Sprache bewegen zu können. Auch wenn inzwischen manchmal Sprach-Kauderwelsch durch meinen Kopf geht, überwiegend denke ich doch auf Deutsch (wenn nicht in Bildern).

Am meisten brauche ich hier Englisch. Wir leben in einem internationalen Compound mit internationalem Umfeld. Und auch unser Medienkonsum findet überwiegend auf Englisch statt. Wenn ich mit der Metro unterwegs bin, kann ich mich darauf verlassen, dass zweisprachig ausgeschildert ist und auch die Bandansagen auf Chinesisch und Englisch gemacht werden. Überhaupt ist hier beinah alles Wichtige auch auf Englisch ausgeschildert. Warum eigentlich ist das in Deutschland noch nicht Standard? Esperanto war eigentlich eine tolle Idee, nur hat es sich nicht durchgesetzt. In Wahrheit ist nun das Englische die Sprache, mit der man (fast) überall auf der Welt klar kommt.

Ich lerne übrigens weiterhin Chinesisch, nur leider im Schneckentempo. Aber es ist gut zu wissen, dass ich hier nicht dafür verurteilt werde, dass ich nicht vor Einreise schon den kompletten Sun Yat-sen auf chinesisch rezitieren und interpretieren konnte.

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